"70. Land…51. Hauptstadt…93. Auslandsstart“"

Vilnius Marathon
10.09.2017

Bericht von Peter Maier


08.09.2017: Freitag spät abends um 23:40 Uhr in Vilnius, der Hauptstadt Litauens, angekommen, klappte der Check-in vorzüglich mit dem bestellten Taxi und dem mir gesendeten Einlasscode in mein Hotel Bookinn B&B. Nach einem Sturzbier in einem Pub nahe dem Hotel sah ich mir mein Zimmer an. Tja, sonst nicht der Rede wert, aber hier…das Zimmer wie auch das Hotel bestand „nur“ aus Büchern, da Bücher, hier Bücher, dort Bücher, unterm Bett Bücher und die Lampen auf Büchern (Foto). Na ja, bei der Buchung hätte mir das beim Hotelnamen „Bookinn“ auch auffallen können. Auf so viel Literatur versuchte ich zu schlafen, hatte aber nicht bedacht, dass die Autos eigentlich nachts (tagsüber sowieso) direkt durchs Zimmer fuhren, da die Fenster „null“ Schallschutz hatten und die Straßen vor den Fenstern aus historischem Pflaster bestanden, zumal ich hier im Zentrum war. Damals hatte ich total die Schnauze voll, heute sage ich „okay, einfach mal schwer reingegriffen und dämlich gebucht“.

09.09.2017: Immerhin wohnte ich nahe der Altstadt und so schlenderte ich zur Kathedrale, war 10 Uhr da und wollte mich mit Michel, auch einem Country Club Läufer, treffen. Er war aber leider nicht da, hatte umgeplant. So holte ich mir auf dem Domplatz meine Startunterlagen (Foto) und entschied mich danach für eine geführte Vilnius City Bustour.

Vilnius ist schon eine imposante Stadt mit ihren über 500 000 Einwohnern, vom Fluss Neris geteilt, erinnerte sie mich an Dresden. Und mir gefiel die Altstadt (Foto) oder die alten Holzhäuser im Norden und die vielen jungen Engelchen im Zentrum. Nach 90 Minuten endete die Stadtrundfahrt wieder am Domplatz und ich ging zu Fuß die Fußgänger-straße „Pilies“ hoch, da ich unbedingt die St.-Annen-Kirche nochmal von außen und dann von innen sehen wollte. Zurück auf dem Domplatz war dort die Pasta-Party in vollem Gange. Ich ließ es mir schmecken und traf auch durch Zufall Michel. Wir machten eine Fotosession für John Wallace (Foto), unserem Country Club Präsidenten. Weiter ging ich zurück zum Hotel, was auch ein ehemaliges Kloster war und direkt an der Heilig-Geist-Kirche anlehnt. Ich ruhte mich bis halb acht aus, saß dann gelassen bei ein paar Bierchen im „Etno Dvaras“, direkt an der „Pilies“..

10.09.2017: Vor dem Wecker klingeln stehe ich auf, die Autos waren mir wieder direkt durch den Kopf gefahren, so fühle ich mich. Wenige Minuten Fußweg brauchte ich bis zum Start auf dem Domplatz. Geil, diese Kulisse hier, Massen von Läufern, die den Halben und den Marathon laufen wollen.

Ich gehe in den E-Block, den letzten am Ende des Läuferfeldes. Hier läuft einfach nur die Spreu und das „Krampfader-geschwader“. Dieses Wort sagte mir mal ein alter Läufer in Thailand. Der hatte völlig kaputte Knochen, wollte aber unbedingt dieses geile Gefühl des Marathonlaufens trotz seiner vielen Gebrechen nicht missen…. Die Sonne scheint, es ist tolles Wetter mit ca.18 Grad, wie bestellt! Ein Offizieller hält auf der Tribüne über dem Startband noch eine kurze Rede und ab geht es um 9 Uhr. Nach ca. zwei Minuten laufe auch ich über das Startband unter vielen Flaggen und den Offiziellen drunter hinweg. Wir laufen gleich über den Fluss Neris und am anderen Ufer entlang. Und da ist wieder die Blumeninschrift an der Uferbefestigung,übersetzt mit „Ich liebe Dich“.

Ich mache viele Fotos. Nach 2,5 km erste Gehpause. Sofort fragt mich eine besorgte Läuferin: “Oh, geht es Dir g ut?“ „Na klar, no problem!“ Einige Engelchen fliegen an mir vorbei. (Foto). Ich fühl mich so wohl. Nun nehme ich wieder Fahrt auf. Kurz vor der Nerisbrücke zum Vingio Park ist das 5 km Schild. Ha! 30:00 min, das soll einer mal nachmachen, so genau zu laufen! Da liege ich 2 min vor meinem Zeitplan. Der hat zum Ziel 5:30 h, da ist „Deadline“ und genau zu diesem Zeitpunkt soll das Ziel geschlossen werden! Wir laufen durch den grünen Park „Vingio“ (Foto), es macht mir einfach so unendlich viel Spaß! Nach Gehpausen bin ich schnell an der 10 km Marke, wo wir den Park wieder verlassen. Es geht nun wieder am Fluss entlang, es ist alles sehr gut abgesperrt.

Bei km 15 laufe ich auf die lachende Julia auf und sie mir ins Bild. Oha, irgendwie kommen wir sofort ins Gespräch. Sie sagt. „du hast bestimmt schon viele Marathons gemacht.“ „Ja, über 100 und hier könnte es mein 70. Marathon-Länderpunkt werden“. „Was, 70 Länder, unglaublich!“

Sie ist gut drauf, heute ist hier ihr 6. „Halber“ und sie strahlt so viel Lebensfreude aus! „Ich bin bei einer Bank in Amsterdam, es ist aber langweilig, du bist Bauingenieur, das ist doch viel interessanter“, sagt sie.
Die Zeit verfliegt, da ist plötzlich bei km 18 ihre Mutter, na ja, wenn Julia 25 ist, ist ihre Mutter auch noch topfit! Wir laufen und gehen dann zusammen auf den meistens jetzt von Zuschauern gesäumten Straßen, haben viel Spaß und reden ununterbrochen. Sie zeigt mir stolz die Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatstadt, da
z. B. ist die beste Aussicht auf Vilnius, Foto machen, unbedingt (Foto)! Knapp vor dem km 20, da laufen wir in „Užupis“ ein. Sie erklärt mir, dass das hier die unabhängige Republik Užupis ist, die über eine Verfassung, eine Flagge und einen Präsidenten verfügt. Die zwölf Mann starke Armee wurde inzwischen wieder aufgelöst, weil Užupis sich in seiner Verfassung als weltweit einziges Land zu einem völligen Gewaltverzicht verpflichtet hat.

 

Da ist das Café „Užupio Kavine“, es ist das Parlamentsgebäude. Ja und dort, da ist auf einer Bronzetafel die Verfassung niedergeschrieben worden. Das ist geil, denke ich und muss sofort ein Foto machen, nachdem ich die ersten Zeilen gelesen hatte. Auf dem Hauptplatz des Viertels ist ein Denkmal, das Symbol von Užupis, es stellt einen Engel dar, der Trompete spielend die Erneuerung und die künstlerische Freiheit des Stadtteils symbolisiert. Seither wird Užupis auch „Engelsrepublik“ genannt. Na ja, ich höre aus ihren Worten heraus, so ganz „koscher“ sind und sehen die aber alle hier nicht aus…. .

Kurz vor dem Ziel des Halbmarathons machen wir mit Ihrer Mutter letzte Fotosession (Foto). Ich merke, Julia ist doch ein bissl platt, trotzdem sprintet sie in 2:14:57 h ins Ziel. Hier am Ziel ist totales „Tohuwabohu“. Schade, dass ich das jetzt und hier nicht mit Julia genießen kann. Aber ich muss jetzt auf die 2. Runde. Mit einem Schlag sind nur noch wenige Läufer um mich drum herum. Auf geht’s! Wieder rüber über den Fluss Neris, vorbei an alten Holzhäusern (Foto), an Kirchen und anfeuernden „Kirschen“. Da kommt endlich km 25! So geil! I’m happy. Das kann aber noch lang werden, denn ich hänge trotzdem ein wenig mit 2.42:02 h in der Zeit. Ab hier wird gegangen, wie geplant. Ich muss aber schnell gehen, für jeweils 5km müssen es 48 min werden. Mir wird es mulmig, ist das zu schaffen? Zuschauer und Helfer fragen mich besorgt, ob es mir gut geht, ich sollte doch rennen, wenn alles okay ist. „“Nee, nee“, sag ich, „alles okay, das gehört zu meinem Plan“. Ich gehe wieder durch den Park Vingio, inzwischen überholen mich viele Läufer, da ich ja mit ca. 6,5 km/h doch ein Stück langsamer bin.

Das passt, die ersten „Geh-5km“ absolviere ich in 47:46 min, und da ist das 30 km Schild, direkt auf der Festwiese im „Vingio Parko Estrade“, wo solche Künstler wie Lady Gaga oder Robby Williams aufgetreten sind.

Weiter geht die Hatz, ich gehe zum Endpunkt einer weiten Schleife, sehe schon den Dom, aber da geht’s auch schon wieder bei km 34 zurück. Nur noch wenige Läufer kommen an mir vorbei. Da vorn ist km 35. Ich rechne hoch, bis zum Ziel noch 7 km, oha, Mist, das kann noch verdammt eng werden mit der Endzeit unter 5:30 h Mein Gott! Jetzt bei km 36 links rüber auf die „Gedimo street“, die lange Stalin-straße, die ins Zentrum führt. Jetzt ist rechts das Museum der Opfer des Genozids, das ehemalige KGB-Haus. Da hatte ich vor einer Runde Julia kennengelernt. Ich bin in der Altstadt, jetzt leicht bergan gehen bis zur City Hall bei km 39. Vorbei am Hochplateau. Und da ist, Scheiße, wo, wo denn??? Wo ist plötzlich das 40 km Schild? Irgendjemand hat es geklaut? Ein böses Omen? Umgehauen ist es, da vorn. Ich lege mich etwas mühevoll daneben und knipse so ‘ne Art Selfie (Foto).

Ich quäle mich wieder hoch, nach 40 km geht das alles sehr behäbig. Und weiter, jetzt gehe ich wieder durch die „Republik Užupis“, gehe dann vorbei an der St.-Annen-Kirche. Ich fliege, nein, natürlich gehe ich, aber ich sehe da hinten den Domplatz, ja so geil, ich habe wieder diese Endorphine oder wie das heißt.

Das Runner‘s-High durchströmt meinen Körper, ich reiße jetzt schon innerlich die Arme hoch, könnte hier jeden umarmen. Da hinten ist das Zielbanner, die Offiziellen stehen immer noch drauf, haben sich bestimmt abgelöst. Und die Zuschauer klatschen, scheinbar auch, wenn einer wie ich so spät kommt.
Das ist stark, im Augenwinkel sehe ich mich auf einer Leinwand über dem Domplatz schweben. Noch eine kleine Kurve nach rechts und ich sehe meine Bruttozeit, es klappt gerade so unter 5:30 h. Ich gehe, den Augenblick soooooooooooo genießend, durchs Ziel. 5:25 44 h netto! Es ist geschafft! Mein 70. Land, wo ich Marathon gelaufen bin. Damit bin ich unter den ersten 20 Menschen, die dieses Ziel erreicht haben. Ich sauge die Atmosphäre ein, denn es sind hier noch so viele Sportler, freiwillige Helfer, Organisatoren und Zuschauer. Hier ist noch so viel los, weil eben jetzt vor allem viele kleinere Läufe stattfinden. Ein Wahnsinnsevent, jetzt werden gerade die
4,2 km gestartet und so viele Engelchen sind dabei (Foto)



Irgendwann hat alles ein Ende und ich muss auch hier loslassen und gehe doch etwas traurig ins Hotel zurück. Dort angekommen, ruhe ich mich 2 Stunden aus, ehe ich mir abends eine riesengroße Pizza leiste. Oh, oh, ich schlafe spät abends schlecht ein, das war doch heute ein sehr hartes „Stück Arbeit“ gewesen, die Zeit unter 5:30 h zu schaffen. Auch schnell gehen will eben gelernt sein.

11.09.2017: Früh aufstehen an diesem Montag geht absolut nicht, ich habe totalen Muskelkater, ist ja schlimm. Vorsichtig trolle ich mich doch vors Haus und besuche dann zu Fuß, sehr unrund gehend, das „Gedeminas Castel“. Anschließend, da ich noch Zeit habe, schlendere ich, na ja, quäle mich doch mehr durch die Altstadt. Mache einige Ruhepausen, besuche das „Gate of Dawn“, das Tor der Morgenröte. Es sollen heilige Kräfte an diesem Ort Wunder bewirken, sagt man. Langsam zieht es mich zum Bus-Platz.
Für 1 (einen!) € fahre ich mit einem kleinen Trolleybus zum Flughafen und bald werde ich wieder zu Hause sein. Es war schön und aufregend und jedem kann ich Vilnius für einen Kurztrip nur empfehlen.

5 km: 30:00 min 30:00 min
10 km: 31:17 min 1:01:17 h
15 km: 31:07 min 1:32:24 h
20 km: 34:48 min 2:07:12 h
25 km: 34:50 min 2:42:02 h
30 km: 47:46 min 3:29:48 h
35 km: 48:59 min 4:18:47 h
40 km: 48:49 min 5:07:36 h
Ziel: 18:08 min 5:25:44 h

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